Erklärungen zum Scripta Manent Fall

Am 17. November gab es in Bunker-Gerichtssaal des Knastes Le Vallette in Turin die erste Anhörung zum Prozess im Verfahren “Scripta Manent”.

Hier einige Erklärungen der Angeklagten und am Prozess teilnehmenden GenossInnen. Alfredo, persönlich nicht anwesend weil er und drei weitere Gefangene nur über Videokonferenz teilnehmen durften, hat seine Erklärung im Knast von Ferrara, wo er eingesperrt ist, gelesen. Claudia und Stefano, angeklagt aber auf freiem Fusse, haben ihre Erklärung im Saal vorgelesen und sind danach sofort weggegangen.

Erklärung von Alfredo:

Benevento 14. August 1878 – Turin 16. November 2017

 

Prozess den Missetätern

“Vereinigung ist bloss eines deiner Mittel, ist das Schwert, mit dem du deine natürliche Kraft vergrösserst und schärfst; Vereinigung existiert dank dir. Die Gesellschaft hingegen will viel von dir und existiert auch ohne dich; kurz und gut, die Gesellschaft ist heilig und Vereinigung ist dir eigen; Die Gesellschaft braucht dich, die Vereinigung brauchst du”

Stirner

 

“Meine Herren, die Zeit des Lebens ist kurz… wenn wir leben, leben wir um die Könige mit Füssen zu treten”

Shakespeare, Heinrich IV

 

“Ich bedauere jedes Verbrechen, das ich in meinem Leben nicht begangen habe, ich bedauere jeden Wunsch, den ich in meinem Leben nicht befriedigt habe”

Senna Hoy

 

Ich will so klar wie möglich sein damit meine Worte wie eine Schulderklärung klingen. Sofern es überhaupt möglich ist, einem Mittel oder einer Technik anzugehören, bekenne ich voller Stolz der  FAI-FRI anzugehören. Voller Stolz erkenne ich mich in ihrer gesamten Geschichte wieder. Ich gehöre voll und ganz dazu und mein Beitrag ist mit “Nucleo Olga” unterzeichnet. Hätte diese Farce nur mich und Nicola betroffen, hätte ich heute geschwiegen. Aber ihr habt einen bedeutenden Teil derjenigen miteinbezogen, die in diesen Jahren mit uns solidarisch waren, darunter meine Nächsten und Liebsten. So musste ich einfach etwas dazu sagen, sonst hätte ich mich zum Komplizen eures hinterhältigen Versuchs gemacht, wahllos gegen einen bedeutenden Teil der anarchistischen Bewegung loszuschlagen. Genossinnen und Genossen, die nicht für ihre Taten hinter Gitter gezerrt und prozessiert wurden sondern wegen dem, was sie sind: AnarchistInnen. Prozessiert und verhaftet, nicht weil sie, wie ich, sich zu einer FAI-FRI unterzeichneten Aktion bekennt haben, sondern weil sie an Versammlungen teilgenommen und in Zeitungen und Blogs geschrieben haben. Oder noch einfacher weil sie GenossInnen in Prozessen ihre Solidarität ausgedrückt haben. Ich werde mich nicht hinter diesen GenossInnen verstecken. In Zeiten in denen Ideen nicht zählen, ist wegen einer Idee prozessiert und verhaftet zu werden vielsagend über das Gewicht, das eine gewisse Vorstellung der Anarchie weiter hat. Und auch vielsagend über die leere Schale der Demokratie und der sog. demokratischen Freiheiten. Ihr habt eure Gründe, das will ich nicht verneinen. Denn im Grunde gibt es keine guten Anarchisten, da in jedem Anarchist und jeder Anarchistin der Wunsch schwelt, euch dort von der Bank zu schmeissen. Es ist auch kein Versuch von mir, die FAI-FRI als Freizeitklub oder Jung-Pfadfinderverein zu verkaufen. Wer dieses Instrument benutzt hat oder “wer von der FAI-FRI ist”, wie es die sagen, die wie ihr von Anarchie keine Ahnung haben, bekennt sich erhobenen Hauptes dazu, wie es meine früher verhafteten Brüder und Schwestern getan haben, wie ich selbst es in Genua vor Jahren tat und heute in diesem Saal tue. Es ist unsere Geschichte die euch das lehrt, eine Geschichte, die wir, nie Märtyrer, nie ergeben, mit Jahren an Knast und Isolierung auf der halben Welt verteilt am Bezahlen sind. Wer nicht Teil unserer Geschichte ist wird in Ketten vor euch gezerrt und schweigt aus Solidarität, Zuneigung, Liebe und Freundschaft, was für euch Diener des Staates undenkbare und unverständliche Gefühle sind. Eure “Justiz” ist Unterdrückung des Schwächeren durch den Stärkeren. Ich garantiere euch, dass ihr in diesem Prozess unter den Angeklagten keine Feiglinge und Opportunisten finden werdet. Der Preis der Würde ist unermesslich und ihre Folgen sind unvorstellbar masslos und teuer und diesen Preis lohnt es sich immer zu bezahlen, und ich bin jederzeit dazu bereit. Für euch sollte völlig unwichtig sein ob wirklich ich diese Bomben gelegt habe. Denn ich fühle mich jedenfalls Komplize dieser Taten wie auch von allen mit FAI-FRI gezeichneten Aktionen. Umso mehr als das alle Aktionen, wegen denen ihr mich anklagt, für Solidarität mit Migranten und anarchistischen Gefangenen stehen und ich sie voll und ganz teile. Wie könnte ich mich nicht als Komplize jener Explosionen fühlen, die für mich Lichtblicke in der Dunkelheit waren. So dumm ich euch auch erscheinen mag, für mich gibt es ein Vor und ein Nach der FAI. Ein Vorher, wo ich fanatisch und dummerweise überzeugt war, dass nur Aktionen ohne Bekennung nützlich seien, eine Reproduzierbarkeit hätten, dass die zerstörerische Aktion notwendigerweise alleine für sich sprechen sollte und dass jedes Kürzel Teufelszeug sei. Ein Nachher, wo ich mit dem Pistolenschuss auf Adinolfi diese insurrektionalistischen Dogmen in Frage stellte und soweit ging, meine neuen Überzeugungen in einer Aktion umzusetzen. Wenig, würde jemand sagen, und es wäre wahr wenn hinter diesem einfachen Kürzel keine Methode wäre, die für uns Anarchisten der Praxis jenseits und ausserhalb von Repression, Repressionen und Gerichtssälen wirklich den Unterschied machen könnte. So begrenzt mein Beitrag auch war, so verspätet er auch gekommen ist, ich fühle mich trotzdem voll und ganz als Komplize der Brüder und Schwestern, die diesen Weg begonnen haben. Wer und wo sie auch seien, sie stehen für mich und ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich zu ihren Aktionen stehe als wären es meine eigenen. Es ist unwichtig, dass ich ihnen nie in die Augen schauen konnte. Ich habe ihre feurigen Worte gelesen und geteilt, heisse ihre Aktionen gut und das genügt mir, in mir gibt es keinen Willen zur Aneignung, viel eher einen starken stolzen Willen zur Mitverantwortlichkeit. Richter, ich hätte euch gerne eine direkte Verantwortlichkeit für die Taten, für die ihr mich anklagt, ins Gesicht gespuckt (wie ich es in Genua tat), aber ich kann mir doch keinen Verdienst und keine Ehre zuschreiben, die nicht mir gehören, das wäre einfach eine zu üble Verdrehung. Ihr werdet euch, und ich mich auch, mit dem zufriedenstellen müssen, was ihr in eurer völlig autoritär gesättigten Sprache „politische Verantwortung“ nennen würdet. Nur Mut, so geschickt, wie ihr in der Erfindung von so „ehernen“ wie schrulligen Beweisen und in der Wiederbelebung von so wundersamen wie inkonsistenten DNA-Spuren aus euren Archiven seid, ihr werdet keinerlei Schwierigkeiten haben eine dicke Beute an Knastjahren nach Hause zu tragen. Und wenn ihr es wirklich wissen wollt, mich zu verurteilen liegt voll drin, und wäre es auch bloss wegen meiner Teilnahme an der FAI-FRI – was keine Teilnahme an einer Organisation sondern an einer Methode ist –, um nicht von meinem festen Willen zu reden, euch und all das was ihr darstellt zu zerstören. Ihr habt wahllos heftig gegen die nächsten Menschen, gegen Familienangehörige und Freundschaften losgeschlagen. Moralische Skrupel sind nicht eure Stärke, ihr habt erpresst, gedroht, als Zwangs- und Erpressungsmittel den Eltern ihre Kinder weggenommen. Ihr habt Genossinnen und Genossen mit albernen Anklagen und Beweisen vor euch gezerrt, die mit der FAI-FRI gar nichts zu tun haben. Einer aber nicht der wichtigste der Gründe um mich zur FAI-FRI zu bekennen war, dass ich die anarchistische Bewegung keiner leichten Kriminalisierung aussetzen wollte. Heute befinde ich mich im Saal um eure Repressalie, euren kläglichen Versuch zu bekämpfen, “Croce Nera”, eine historische Zeitung der anarchistischen Bewegung, die mit ihren Tiefs und Hochs von den sechziger Jahren an ihre Rolle in der Unterstützung der anarchistischen Kriegsgefangenen erfüllt, auf die Anklagebank zu bringen. In eurem faschistoiden Wahn versucht ihr “Croce Nera” als Presseorgan der FAI-FRI hinzustellen. Nicht einmal 1969, als eine anti-anarchistische Kampagne voll zugange war, sind eure Kollegen so weit gegangen. Damals beschränkten sie sich, sobald sie mit der Ermordung des Gründers von “Croce Nera” italiana, Pinelli, ihren Fetzen Fleisch zum Frasse vorgeworfen bekommen hatten, auf die Anklage einzelner Genossen für spezifische Taten, doch wir wissen wie das alles ausgegangen ist. Heute, wo Blut selten fliesst, beschränkt ihr euch nicht nur darauf, vier Genossen wegen spezifischen Aktionen anzuklagen. Ihr geht weit darüber hinaus und kriminalisiert einen ganzen Teil der Bewegung. Alle die zur Redaktion von Croce Nera gehört haben, die dafür geschrieben oder auch nur bei ihren öffentlichen Vorstellungen dabei waren, gehören in eurer Inquisitorenoptik zur FAI-FRI. Meine stolze Teilnahme an der Redaktion von “Croce Nera” und anderer anarchistischen Zeitschriften macht aus diesen Zeitschriften keine Presseorgane der FAI-FRI. Meine Teilnahme ist individuell, jeder Anarchist ist eine Monade, eine Insel an sich, sein Beitrag ist immer individuell. Ich bediene mich des Instrumentes FAI-FRI nur um Krieg zu führen. Die Nutzung dieses Mittels, die Teilnahme an der entsprechenden Methode stellt nicht mein ganzes Leben als Anarchist dar und bezieht in keiner Art und Weise die anderen Redaktoren aller Zeitungen ein, mit denen ich zusammenarbeite. Eine Eigenschaft meiner Anarchie ist die Vielfältigkeit der ins Feld geführten und völlig unterschiedlichen Praktiken, ich bin nur für mich verantwortlich, alle sind für sich selbst verantwortlich. Es interessiert mich nicht die Leute zu kennen, die sich mit dem Akronym FAI-FRI bekennen. Mit ihnen kommuniziere ich nur durch Aktionen und die darauf folgenden Worte. Ich erachte es als kontraproduktiv sie persönlich kennenzulernen und suche sie auch nicht, umso weniger um zusammen eine Zeitung zu machen. Mein Leben als Anarchist, auch hier im Knast, ist viel komplexer und vielfältiger als ein Akronym und eine Methode und ich werde bis zum Äussersten kämpfen damit die Nabelschnur, die mich mit der anarchistischen Bewegung verbindet, nicht durch die Isolation und eure Knäste durchtrennt wird. Merkt es euch ein für alle Male, die FAI-FRI, ohne die Gegeninformation zu verachten, redigiert keine Zeitungen und Blogs. Sie braucht keine Zuschauer oder Fans oder Spezialisten der Gegeninformation, es genügt nicht, sie mit Sympathie zu betrachten um Teil von ihr zu werden. Dafür muss man sich mit Aktionen die Hände schmutzig machen, das eigene Leben riskieren, aufs Spiel setzen, wirklich daran glauben. Auch eure vom Autoritarismus zu Dumpfbacken gemachten Köpfe sollten es endlich verstanden haben, zur FAI-FRI gehören nur anonyme Brüder und Schwestern, die unter diesem Akronym zuschlagen und die anarchistischen Gefangenen, die sich zu ihrer Zugehörigkeit bekennen. Alles andere sind Generalisierungen und Instrumentalisierungen zum Zwecke der Repression. Ich ergreife jetzt die mir von euch mit diesem Prozess angebotene Möglichkeit, den erstickenden Knebel der Zensur abzulegen und meine Meinung über Argumente zu sagen, die mir am Herzen liegen. In der Hoffnung, dass meine Worte über diese Mauern hinaus meine Brüder und Schwestern erreiche. Meine „Zugehörigkeitsgemeinschaft“ ist die anarchistische Bewegung in allen ihren Facetten und Gegensätzen, ist diese reiche und vielfältige Welt, in der ich in den letzten 30 Jahren meines Lebens gelebt habe. Ein Leben, das ich mit keinem anderen tauschen würde. Ich habe für anarchistische Zeitungen geschrieben, schreibe weiter für sie, ich nahm an Demos, Auseinandersetzungen, Besetzungen teil, habe Aktionen gemacht, die revolutionäre Gewalt praktiziert. Meine „Bezugsgemeinschaft“ sind alle meine Brüder und Schwestern, welche die Methode FAI-FRI, in meinem Fall ohne sich zu kennen, zu organisieren, zu koordinieren, ohne jegliche Freiheit abzugeben, zum kommunizieren brauchen. Ich habe die beiden Ebenen nie vermischt, die FAI-FRI ist einfach ein Instrument, eines der vielen, das den AnarchistInnen zur Verfügung steht. Ein nur zur Kriegsführung bestehendes Instrument. Die anarchistische Bewegung ist meine Welt, meine „Zugehörigkeitsgemeinschaft“, ist das Meer worin ich schwimme. Meine “Bezugsgemeinschaft” sind die Individuen, die affinen Zellen, die informellen Organisationen (Koordinierungen mehrerer Gruppen) die ohne sich anzustecken über das Akronym FAI-FRI kommunizieren und indem sie durch ihre Aktionsbekennungen miteinander reden. Eine Methode, die auch mir als Gegner der Zivilisation und Organisation, als Individualist und Nihilist die Möglichkeit gibt, meine Kräfte mit anderen anarchistischen Individuen, informellen Organisationen  (Koordinierungen mehrerer Gruppen) und Zellen aus Affinen zu vereinen ohne ihnen Freiheit abzugeben, ohne auf meine persönlichen Überzeugungen und Tendenzen zu verzichten: ich bezeichne mich als antizivilisatorisch weil ich glaube, dass die uns zur Verfügung stehende Zeit äusserst begrenzt ist bevor die Technologie ein Selbstbewusstsein erreichen und die menschlichen Wesen definitiv beherrschen wird. Ich definiere mich als antiorganisatorisch weil ich mich als Teil der antiorganisatorischen illegalistischen Tradition der anarchistischen Bewegung betrachte, ich glaube an fluide und freie Beziehungen unter AnarchistInnen, ich glaube an die freie Absprache, ans gegebene Wort. Ich definiere mich als Individualist weil mein Wesen es nicht zulassen würde, Macht und Entscheidungen an andere zu delegieren, aber ich könnte Teil einer informellen oder auch spezifischen Organisation sein. Ich definiere mich als Nihilist weil ich zugunsten der Revolte jetzt und sofort auf den Traum einer zukünftigen Revolution verzichtet habe. Die Revolte ist meine Revolution und ich lebe sie jedesmal wenn ich mich mit der Gewalt des Bestehenden auseinandersetze. Ich glaube, dass unsere heutige Hauptaufgabe die Zerstörung ist. Dank den “Kampfkampagnen” der FAI-FRI bietet sich mir die Möglichkeit an, meine Aktion zu potenzieren indem ich sie einschneidender mache. “Kampfkampagnen” die notwendigerweise aus Aktionen entstehen müssen, die weitere Aktionen nach sich ziehen. Und nicht aus Aufrufen oder öffentlichen Versammlungen, was die politischen Mechanismen der Massgeblichkeit, wovon es in den Bewegungsversammlungen nur so wimmelt, völlig aussen vor hält. Das einzige Wort das wirklich zählt, ist das von denen, die konkret zuschlagen. Die Methode der Vollversammlung ist meiner Meinung nach eine stumpfe Waffe um Krieg zu führen, in anderen Bereichen hingegen unerlässlich und nützlich. Indem ich mit meinen Kräften an den “Kampfkampagnen” der FAI-FRI teilnehme, in meinem Fall als Individualist ohne irgend einer informellen Organisation (Koordinierung mehrerer Gruppen) anzugehören, nutze ich eine kollektive Kraft, die mehr und etwas anderes ist als die einfach mathematische Summe der einzelnen Kräfte der einzelnen affinen Gruppen, Individuen oder informellen Organisationen. Diese „Synergie“ führt dazu, dass „das Ganze“, die FAI-FRI, sehr viel mehr als nur die Summe der Subjekte ist, aus der sie besteht. All das unter Bewahrung der individuellen Autonomie, was der totalen Abwesenheit einer direkten Verbindung und Kenntnis unter den Gruppen oder informellen Organisationen oder einzelnen Anarchisten, die sich mit dem entsprechenden Akronym bekennen, zu verdanken ist. Man gibt sich ein gemeinsames Akronym um den Individuen, Gruppen und informellen Organisationen die Möglichkeit zu geben an einer Methode, die die eigenen Projekte absolut bewahrt, teilzunehmen und sich darin zu erkennen, und wer sich mit FAI-FRI bekennt ist mit dieser Methode einverstanden. Das ist weder ideologisch noch politisch sondern bloss ein Instrument (Bekennung mit einem Akronym) als Ergebnis einer Methode (Kommunikation unter Individuen, Gruppen und informellen Organisationen durch die Aktion) mit dem Ziel, das Moment der Aktion ohne Anpassung und Gleichmacherei zu stärken. Das Akronym ist wichtig weil es Kontinuität, Stabilität, Konstanz, qualitatives Wachstum und eine erkennbare Geschichte garantiert. Aber eigentlich besteht die wahre Kraft, die wahre Wende in der einfachen, gradlinigen, horizontalen und absolut anarchistischen Methode der direkten Kommunikation durch die Bekennungen ohne Mittler, ohne Vollversammlungen, ohne sich zu kennen, ohne sich der Repression exzessiv auszusetzen, und es kommuniziert nur wer handelt, wer sich durch die Aktion aufs Spiel setzt. Die Methode ist die wirkliche Erneuerung. Das Akronym wird kontraproduktiv wenn es über die Aufgabe, für die es entstanden ist, bzw. sich als Brüder und Schwestern zu erkennen, die eine Methode übernehmen, hinaus geht. Das ist alles. Die Praxis ist unser Lackmustest, ein Instrument wird in der Praxis auf seine Wirksamkeit geprüft. Man muss davon Kenntnis nehmen, dass uns die Erfahrung FAI-FRI, die sich dauernd weiterentwickelt, vor plötzliche und chaotische Veränderungen stellt; man muss sich davon nicht in Schwierigkeiten bringen lassen. Stillstand und Erstarrung stellen den Tod dar, unsere Kraft liegt in der Erforschung neuer Wege. Die Zukunft dieser Erfahrung liegt sicher nicht in einer grösseren Strukturierung sondern im perspektivisch reichen Versuch der Zusammenarbeit von einzelnen Anarchisten, Gruppen aus affinen Leuten und informellen Organisationen, ohne sich jemals gegenseitig anzustecken. Die Koordinierungsinstanzen müssen innerhalb der einzelnen informellen Organisation, der einzelnen Gruppen oder Zellen aus denen sie bestehen verbleiben, ohne nach aussen zu schwappen, ohne andere informelle FAI-FRI Organisationen und vor allem ohne FAI-FRI Gruppen und Einzelne einzubeziehen, deren Autonomie und Freiheit und Sinn der eigenen, bzw. ausserhalb von Organisationen und Koordinierungen stattfindenden Handlung sonst an den Grundfesten angegriffen würden. Falls sich innerhalb der Gruppen oder einer Organisation autoritäre Dynamiken bilden sollten, werden sie nur so auf den Ort beschränkt bleiben wo sie entstanden sind und nicht ansteckend wirken können. Es gibt keine Gesamteinheit, keine Organisation namens FAI-FRI, sondern unterschiedliche Individuen, affine Gruppen und informelle Organisationen, die über das Akronym FAI-FRI miteinander kommunizieren ohne jemals in Kontakt zu treten. Über die internen Dynamiken der Affinitätsgruppen, über die informelle Organisation und die individuelle Aktion ist viel geschrieben und gesagt worden. Die Kommunikation zwischen diesen Praktiken wurde hingegen nie erforscht und in Betracht gezogen. Die FAI-FRI ist der Versuch, diese Kommunikation in die Praxis umzusetzen. Individuelle Aktionen, Affinitätsgruppen und Organisationen sind gleichwertige Bestandteile jener Instrumente, die sich die AnarchistInnen historisch schon immer gegeben haben. Jedes dieser Instrumente hat Vor- und Nachteile. Die Affinitätsgruppe vereint dank der Kenntnis unter Affinen die operativ schnelle Einsatzbereitschaft mit einer gewissen aus der Vereinigung von mehreren Einzelnen entstandenen Kräftevermehrung. Ihre grossen Vorteile: die Bewahrung der Freiheit der Einzelnen und eine bedeutende Repressionsresistenz. Diese Vorteile haben wir dank der kleinen Zahl an Affinen und der grossen Zuneigung und tiefen Freundschaft, die sie notwendigerweise miteinander verbindet. In unserem informellen Fall (Koordinierung mehrerer Gruppen) garantiert die Organisation eine grosse Verfügbarkeit von Mitteln und Kraft, aber wegen der notwendigen Koordinierung (Kenntnis) zwischen den Gruppe und Zellen besteht eine hohe Verletzlichkeit, denn falls eine fällt besteht die Gefahr eines Dominoeffektes, bzw. dass alle fallen. Wie ich es sehe, wird die individuelle Freiheit notgedrungen mit kollektiven Entscheidungsmechanismen kollidieren („Regeln“ zum Funktionieren der Organisation). Dieser Aspekt ist für einen individualistischen Anarchisten eine inakzeptable Minderung der Freiheit und der Autonomie. Die individuelle Aktion garantiert ein hohes operatives Tempo, eine sehr grosse Unvorhersehbarkeit, eine sehr starke Repressionsresistenz und vor allem totale Freiheit. Das Individuum muss ausser dem eigenen Bewusstsein nirgends und niemandem Rechenschaft ablegen. Ein grosser Nachteil: die niedrige operative Kraft, man hat sicher weniger Mittel und Möglichkeiten für komplexe Operationen (was hingegen eine informelle Organisation, Wille und Standhaftigkeit vorausgesetzt, etwas besser kann). Die Interaktion zwischen dermassen radikal unterschiedlichen Vorgehensweisen, das ist die Innovation, das Neue, das lästig werden und uns gefährlich machen kann. Keine halben Vermischungen. Gruppen, Einzelne und informelle Organisationen dürfen nie in direkten Kontakt treten. Allen das ihre, Hybride würden uns schwächen. Man ist eher durch eine Methode als ein Akronym vereint. Die FAI-FRI gewährt Einigung ohne sich gegenseitig zu verfälschen. Kein Moralismus oder Dogmatismus, alle verhalten sich frei und wie sie wollen und wahrscheinlich ist es die Durchmischung von all dem das, was den Unterschied ausmachen wird. Keine Koordinierung ausserhalb der einzelnen informellen Organisation (weil die Koordinierung eine direkte Kenntnis zwischen allen Gruppen und Organisationen bedingt und sie somit für die Repression durchlässlich macht), keine homologisierende, hegemoniale Überstruktur kann die Einzelnen oder Gruppen unterdrücken. Wer die informelle Organisation in der Praxis prüft, hat keinen Anlass die eigene Vorgehensweise auch nach aussen durchzusetzen. Genauso sollten einzelne Individuen der Aktion und „einsame“ Affinitätsgruppen nicht „Verrat“ brüllen bei der Vorstellung, dass andere Brüder und Schwestern in kompakten und organisierten Reihen handeln. Das ist natürlich bloss mein Gesichtspunkt und der ist wohl kaum massgebend. Um glanzvoll abzuschliessen sage ich euch, dass ich sorglos und fröhlich auf euer Strafgesetzbuch pisse. Was ihr auch für mich entscheiden möget, mein Schicksal wird fest in meinen Händen bleiben. Ich habe breite Schultern, oder wenigstens bilde ich mir ein solche zu haben, und euer Knast und euer Isolation machen mir keine Angst, ich bin bereit mich nie gebändigt und nie ergeben eurer Vergeltung  zu stellen.

Lang lebe die FAI-FRI

Lang lebe die CCF

Tod dem Staat!

Tod der Zivilisation!

Es lebe die Anarchie!!

Alfredo Cospito

 


 

Erklärung von Claudia und Stefano

Wir befinden uns vor euch um beurteilt zu werden. Schuldig oder unschuldig? Aber was wird uns denn vorgeworfen? In den tausenden von Seiten, die von der Staatsanwaltschaft produziert wurden, durchläuft man 20 Jahre Geschichte des anarchistischen Kampfes in Italien und anderswo, wird von spezifischen Taten gesprochen um die Annahmen und Mutmassungen etwas aufzuwerten, aber wovon soll euch dieser Papierberg denn in Wirklichkeit überzeugen? Er möchte euch überzeugen, dass wir Anarchisten sind. Dass wir das uns regierende System und die Unausweichlichkeit der Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Natur nicht passiv akzeptieren. Er fordert euch auf die Liebe zu verurteilen, die menschliche Wesen verbindet, die vom unaufhaltsamen Wunsch nach Freiheit und der dazugehörigen affinen Verachtung gegenüber der Autorität vereint sind. Wenn wir deswegen hier sind, dann beenden wir die Farce am besten bevor sie beginnt. Wir sind schuldig. Schuldig das Bewusstsein zu haben, dass das demokratische Regime nichts als die gnadenlose Vorherrschaft der Stärkeren über die Schwächeren ist und sich aufrecht erhält indem sie Machtpartikel pulverisiert um das Ego aller Menschenwesen zu befriedigen, die zum Streben nach Privilegien und zum Plattmachen individuellen Verhaltens, um sich im Schutze des Massenkonsens zu verkriechen, erzogen wurden.

Wir sind schuldig diese Lage nicht zu akzeptieren, nicht an der Verteilung dieser Machtpillchen teilnehmen zu wollen, nicht vom Blut und Schweiss jener leben zu wollen, die schlechtere Lebensumstände als die unseren aushalten müssen. Das heisst nicht, dass wir uns, um an der Seite der Schwächeren zu leben, aufopfernd devot in eine Ecke stellen lassen. Wir leben für uns selbst, um unsere Bedürfnisse ohne abzuwarten und um Erlaubnis zu bitten voll auszuleben. Wir kämpfen dabei gegen alles, was uns das verwehren will. Wir träumen von keiner Revolution sondern nähren die andauernde Revolte gegen jeglichen Zwang, indem wir sowie unsere eigenen als auch die uns auferlegten Beschränkungen aufbrechen.

Vor einigen Tagen lernte unser Sohn etwas, das man „Staatskundeunterricht“ nennt und wiederholte laut die Prinzipien der Verfassung, die Rede- und Ausdrucksfreiheit usw. garantieren. Obwohl wir ihn bewusst in den Bauch der Bestie geworfen und ihn, im Vertrauen in die Entwicklung seiner Intelligenz und seines kritischen Geistes, der Auseinandersetzung mit der öffentlichen Bildung ausgesetzt haben, musste ich eingreifen und ihm erklären, dass dies eine Lüge ist, dass die Gesetze von denen diktiert werden, die sie als Mittel zum Erhalt ihrer Macht betrachten, und dass nicht wahr ist, dass alle ihre eigene Meinung sagen dürfen, denn falls sie die Macht behindert, wird sie unterdrückt wie es seiner Mutter und seinem Vater eben geschieht. Aus diesem Grunde, damit diese Lüge nicht verübt werde, werden wir erhobenen Hauptes weiterkämpfen auf das die kommenden Generationen eine andere Auslegung der Wirklichkeit haben können und nicht Geiseln einer von Interessen geprägten Wahrheit bleiben.

Wir haben entschieden diese Schrift vorzulesen um euch vor die Verantwortung zu stellen die Heuchelei der Verfassung, auf die ihr schwört, zu verteidigen. Wir wollen, dass ihr die Hand des Monsters seht, das euch wenn ihr euch im Spiegel anschaut immer wie treuen Hündchen über den Kopf streichelt. Wir wollen euch nicht die Möglichkeit geben, euch hinter dem faulen und korrupten Prinzip von Gerechtigkeit zu verstecken, das euch zu Inquisitoren erhöht.

Die Tatsache, dass unseren Genossen verweigert wird physisch im Saal anwesend zu sein, dass so das Prinzip der Teilnahme an der Verteidigung ausradiert wird, wofür die Jurisprudenz, die das demokratische Märchen stützt, als Garant auftritt, ist die x-te Demonstration wie parteiisch die Legalität eingesetzt wird. Vor allem darum werden wir nicht weiter an dieser Farce teilnehmen und den Anhörungen fernbleiben und die technische Verteidigung den Anwälten überlassen und setzen dabei auf die Herstellung einer grösstmöglichen Sichtbarkeit der Gegensätze, die dieses System stützen. Ohne uns wie auch immer zu rechtfertigen und ohne Brosamen der Demokratie zu fordern.

So haben wir entschieden innerhalb der Grenzen eures Gesetzes beschränkt zu kämpfen. Ausserhalb dieser Grenzen entscheiden wir immer selbst wie und wann wir kämpfen.

Der gute Staatsanwalt Sparagna, Verfechter des Kampfes gegen die Mafias oder Hund, der die Hand des Herrn beisst, der ihm ein Stück Brot reicht, dachte er könne es mit den Anarchisten wie mit den Mafiosi aufnehmen. Ohne sich bewusst zu sein, dass was uns unterscheidet etwas ist, das weit über seine kläglichen Vorstellungen von Existenz und Solidarität hinausgeht. Er kann sehr wohl versuchen das von jedem von uns Erlebte feige zu missbrauchen um Lücken zum Eindringen zu suchen, aber es wird ihm nie und nimmer gelingen.

Grenzenlose Ehre und Liebe unseren Schwestern und Brüdern, die vom Staat in Geiselhaft gehalten werden.

Verfechter der Justiz: Was unser ist wird euch nie gehören, auch wenn ihr Jahr um Jahr unsere Leben weiter ausspionieren und studieren werdet.

Schuldig bedingungslos zu lieben

Schuldig voll bewusst zu hassen                                                                                                Claudia und Stefano